Arbeit und Mensch

Prof. Dr. habil. Yvonne Ferreira - Diplompsychologin, Arbeitswissenschaftlerin, Privatdozentin und Professorin für Wirtschaftspsychologie


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Psychische Belastung

Auf dieser Seite möchte ich die interessierte Leserschaft über ein laufendes Forschungsprojekt zu psychischer Belastung informieren. Es erfolgt eine regelmäßige Erweiterung der Informationen.

Mit dem Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit (Ausfertigungsdatum 07.08.1996 mit letzter Änderung vom 08.09.2015) (ArbSchG) wurde die psychische Gesundheit auf gleiche Ebene gestellt wie die physische Gesundheit und es damit den Unternehmen auferlegt, Gefährdungen möglichst zu vermeiden und verbleibende Gefährdungen möglichst gering zu halten (§ 4). (ArbSchG, 1996)

Aufgefordert werden die Unternehmen durch §5 ArbSchG, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen und notwendige Maßnahmen des Arbeitsschutzes einzuleiten. Hierbei verweist der Gesetzgeber insbesondere auf die Gefährdung durch psychische Belastung bei der Arbeit (§5 Abs.3 Nr. 6).

Demzufolge muss psychische Belastung für jeden Arbeitsplatz erfasst werden, jedoch liefert der Gesetzgeber keine Durchführungsvorschriften zur Umsetzung dieser Forderung. Aufgrund zahlreicher unterschiedlicher Erhebungsverfahren und Vorgehensweisen kommt es innerhalb der Betriebe zu vielen Unsicherheiten (vgl. Richtlinie 2006/42/EG 1.1.2 d und 1.1.6 - 89/391/EWG Artikel 2 d - BildscharbV §3, seit 12/2016 ArbStättV §3). Dass es keine einheitlichen Durchführungsvorschriften gibt, hat auch der deutsche Bundesrat anerkannt (Bundesrat Drucksache 315/13: S. 3 Abs. 1 S. 1). Daneben vergleichen die Erhebungsinstrumente bestenfalls die analysierten Werte mit Durchschnittswerten in anderen Betrieben (Richter & Kuhn, 2010, S. 53). Eine tatsächliche Beurteilung der Gefährdung aufgrund der Arbeitsbedingungen ist bisher nicht möglich.

Der Grund liegt in der fehlenden Festlegung und Definition von Grenzwerten psychischer Belastung. Zur Definition psychischer Arbeitsbelastung steht die EN ISO Norm 10075-1 (2018) zur Verfügung. Hierin wird psychische Belastung als „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und diesen psychisch beeinflussen“ definiert (ISO 100075-1, S. 6). Psychisch beschreibt laut ISO Norm 10075-1 (S. 10) Einflüsse auf die Vorgänge des menschlichen Erlebens und Verhaltens und damit Einflüsse auf kognitive und emotionale Vorgänge.

Belastung ist definitionsgemäß als neutral zu betrachten. In der Umgangssprache ist Belastung oftmals negativ assoziiert und auch viele Psychologinnen und Psychologen betrachten Belastung ausschließlich als Stressoren und damit negativ (Joiko, Schmauder & Wolff, 2010, S. 13). Im Folgenden wird der arbeitswissenschaftliche, interdisziplinär anerkannte Begriff der neutralen Belastung verwendet. Daher ist es sinnvoll, von psychischer Fehlbelastung zu sprechen, wenn eine negative Konnotation angestrebt ist.

Bemerkenswert ist, dass das Arbeitsschutzgesetz nicht an psychischer Beanspruchung sondern ausschließlich an Belastung interessiert ist.

Möglicherweise ist dies der Praktikabilität geschuldet. Wollte man die psychische Beanspruchung ermitteln – gesundheitliche Schäden sind eine Beanspruchungskategorie – so müssten die individuellen Auswirkungen im Menschen gemessen werden. Hierbei kann man auf Probleme des Datenschutzes treffen, aber auch des Aufwandes und der Gerechtigkeitsfrage. Was wäre, wenn bei gleicher Belastung die individuelle Beanspruchung (wegen unterschiedlicher Eigenschaften, Fähigkeiten usw.) erwartungsgemäß unterschiedlich wären? Welche Konsequenzen würde man ziehen, wenn bei gleicher Belastung die individuelle Beanspruchung (wie auch von der Theorie erwartet) unterschiedlich wären? Psychische Beanspruchung ist „die unmittelbare Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinem aktuellen Zustand“ (ISO 100075-1, S. 7). Wenn wesentliche Quellen der Fehlbeanspruchung im privaten Bereich liegen oder in der individuell und bewusst entschiedenen Lebensführung (z. B. „Freizeitstress“ oder Rauchen), dann sind die möglichen und wünschenswerten Eingriffe stark eingeschränkt.

Um psychische Belastung bewerten zu können, bedarf es unterschiedlicher Bewertungsebenen, wie sie beispielsweise bereits von Rohmert (1974) oder Ulich (2001) vorgeschlagen wurden. Diese unterteilen sich in die Ausführbarkeit, Erträglichkeit, Zumutbarkeit, Zufriedenheit und Persönlichkeitsförderlichkeit. Besonders wichtig für das vorliegende Projekt ist die Frage nach der Erträglichkeit der Belastung, denn diese fordert, dass eine Belastung aus der Arbeitsumwelt nur so stark ausgebildet sein darf, dass diese ohne gesundheitliche Schäden für eine ganze Schicht (in der Regel acht Stunden täglich) über ein ganzes Arbeitsleben ertragen werden kann.

Genau an dieser Stelle setzt die grundlegende Fragestellung dieses Projektes an, denn wenn keine Grenzwerte vorliegen, die etwas über die Schädlichkeit einer Fehlbelastung aussagen, kann ein Unternehmen keine Erträglichkeit sicherstellen.

Es ist unumstritten, dass es sich bei dieser Diskussion um ein politisch und gesellschaftlich brisantes Thema handelt. Könnten Grenzwerte wissenschaftlich bestimmt werden, so müssten politische Umsetzungen erfolgen, um eine Regelbarkeit in der betrieblichen Praxis sicherzustellen.

Ziel dieses Forschungsprojektes ist es festzustellen, ob und ggf. wie es möglich ist, Grenzwerte psychischer Belastung zu definieren.

 

Momentaner Stand des Projektes

Zurzeit wird ein tätigkeitsabhängiger Kriterienkatalog psychischer Belastung, Fehlbelastung und Ressourcen erstellt der einerseits auf bereits veröffentlichten Belastungen beruht und andererseits mittels qualitativer und quantitativer Methoden vervollständigt wird.

 

 Poster

Mit einem Klick auf das Poster öffnen Sie die pdf-Datei. Mit einem Klick auf den Audio-Player hören Sie eine Beschreibung des Projektes.